Prof. Dr. Dirk Albach

 

 

Professor für Biodiversität und Evolution der Pflanzen, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Statement zum Volksbegehren Artenvielfalt

Prof. Dr. Dirk Albach
Prof. Dr. Dirk Albach

Eine landwirtschaftliche Produktion mit 40% weniger Pestiziden ist möglich. Der Öffentlichkeit und den Landwirten wird häufig eingeredet, dass eine intensive, ertragsorientierte Landwirtschaft nur mit immer neuen, besser wirkenden Pestiziden möglich ist. Dies entspricht nicht dem Stand der Wissenschaft. Richtig ist, dass die Landwirtschaft spezifisch wirkende Wirkstoffe gegen Schädlinge braucht, die im Notfall und zielgenau eingesetzt werden können. Eine Reduktion der Verwendung von Giftstoffen in der Landwirtschaft ist aber möglich.

Für eine Reduktion des Einsatzes von Pestiziden ist die Zucht neuer resistenter und robuster Sorten nötig. Nie haben wir so viel über die Vielfalt unserer Obst- und Gemüsearten gewusst. Doch die Zucht ist häufig immer noch auf Schönheit, einfache Ernte und Lagerungsfähigkeit ausgerichtet. Das hat unser Obst und Gemüse abhängiger von Pestiziden gemacht. Nicht nur die Krise der Vielfalt, auch der Klimawandel macht hier ein Umdenken notwendig und Robustheit gegen Krankheiten und Extremwetter als Zuchtziel erforderlich. Mit unserem Wissen und gentechnik-freien Methoden haben wir zum Beispiel schon in dem vom Land Niedersachsen geförderten Projekt EGON Öko-Obstbauern wichtige Hinweise für die Auswahl von Kreuzungspartnern für neue, robuste Apfelsorten geben können.

Für eine Reduktion des Einsatzes von Pestiziden brauchen wir artenreicheres Grünland, Fruchtfolgen und Mischkulturen, d.h. Kultur mehrerer Gemüse- bzw. Obstsorten zusammen auf einem Feld. Durch Mischkulturen und Artenreichtum wird Unkraut unterdrückt und Verlust durch Schädlinge reduziert. Pflanzt man verschiedene, sich ergänzende Arten nacheinander oder zusammen, können sich Schädlinge in einem Feld nicht etablieren. Die Arten nutzen aber auch die vorhandenen Ressourcen besser aus und lassen keine Lücken für Unkräuter. Was für Ackerfrüchte richtig ist, gilt auch für das Grünland. Ärzte warnen uns vor einseitiger Ernährung, weshalb soll dann eine Ernährung allein über eine Grasart für Kühe gesund sein? Forschungsprojekte, wie unser EU-Projekt BEESPOKE, untersuchen, welche Arten zusammenpassen, viel Ertrag bringen und die Gesundheit der Kühe fördern. Das reduziert auch den Antibiotika-Einsatz in der Landwirtschaft.

Für eine Reduktion des Einsatzes von Pestiziden ist der Erhalt und die Anlage von Hecken, Gehölzstreifen und artenreichen Blühstreifen wichtig, in denen Nützlinge und Bestäuber überleben können. Egal wie wenig Pestizide wir einsetzen und wie viele Blüten wir den Insekten anbieten, wenn Insekten und Vögel keine Nistgelegenheiten haben, werden wir sie nicht in unserer Kulturlandschaft halten können. Eine strukturreiche Landschaft ist auch für den Schutz gegen Erosion durch Wind und Wasser nötig.

All diese Maßnahmen kosten Geld. Ja, mehr auch als Pestizide kosten, wenn man die langfristigen Folgen nicht berücksichtigt. Und ja, dies wird unsere Lebensmittel teurer machen, aber in einem Rahmen, den wir uns problemlos leisten können und den solche Lebensmittel wert sind. Vor allem aber haben unsere Landwirte für eine naturschonende Produktion von Lebensmitteln auch eine angemessene Bezahlung verdient. Weniger Pestizide, angemessene Bezahlung der Landwirte, gesündere Ernährung, Schutz der Vielfalt – davon haben wir alle etwas.