Prof. Dr. Christina von Haaren

Professorin für Landschaftsplanung und Naturschutz, Leibniz Universität Hannover



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Prof. Dr. Christina von Haaren

Statement zum Volksbegehren Artenvielfalt

Die biologische Vielfalt – also die genetische Vielfalt, die Vielfalt der Arten und Ökosystemen oder Biotopen –  ist für die Menschen von höchster Bedeutung. Sie ist Grundlage zahlreicher Ökosystemleistungen: Insekten bestäuben einen wichtigen Teil unserer Nahrungspflanzen; in der Zukunft werden wir noch stärker auf die Vielfalt derzeit wild vorkommender Arten zurückgreifen müssen, um neue Nahrungs- oder  Arzneimittel zu entwickeln, die Mikro- und Makroorganismen in Boden und Gewässern bauen Schadstoffe ab. Die Liste dieser offensichtlichen und auch ökonomisch relevanten Nutzen, kann beliebig fortgesetzt werden. Hinzu tritt die ethische, psychologische und soziale Bedeutung der Biodiversität. Wir wissen inzwischen, dass der Kontakt mit der Natur wichtig ist für die Gesundheit der Menschen, für unser Wohlbefinden und unsere Erholung.  Und wollen wir wirklich zulassen, dass wir irgendwann weitgehend allein sind auf der Welt ohne die Natur, die Bäume über die  B.Brecht Herrn Keuner sagen lässt dass „Bäume wenigstens für mich, …, etwas beruhigend Selbständiges, von mir Absehendes (haben), und ich hoffe sogar, sie haben selbst für die Schreiner einiges an sich, was nicht verwertet werden kann“. Der Frühling über der Agrarlandschaft ist bereits jetzt weitgehend „stumm“ wie Rachel Carson bereits 1962 konstatierte und wir müssen feststellen, dass die globalen Grenzen im Falle der Abnahme der Biodiversität nach Einschätzung von Wissenschaftlern am stärksten und vielfach irreversibel überschritten werden.

Unsere gewählten Parlamente, die den gesellschaftlichen Willen, nicht das lokale Einzelinteresse, repräsentieren, haben sich schon lange dafür entschieden die Biodiversität zu erhalten und dies in Gesetzen niedergelegt. Die europäisch gefährdeten Arten und Biotope sind streng geschützt und wir haben seit 1976 ein Bundesnaturschutzgesetz, das sehr klare Ziele formuliert. Die Biodiversität soll nicht länger schrumpfen sondern sich wieder erholen können.  Dennoch hapert es an der Umsetzung dieser Ziele. Offenbar reichen die derzeitigen Umsetzungsmechanismen nicht aus um die Biodiversität wirksam zu erhalten. Die ökonomischen Triebkräfte sind stärker als der gute Wille vieler Beteiligter. Die Bundesländer können die Ziele und Maßgaben des Bundesgesetzes im Landesgesetz konkretisieren. Je weniger gesetzlich geregelt wird, umso mehr müsste die Förderpolitik vor allem die Agrarförderung einspringen und den Schutz der Biodiversität gewährleisten. Es ist seit fast 20 Jahren beschlossene Sache, dass die Zeit der Butterberge und Milchseen vorbei sein und die europäische Landwirtschaft die Weltmärkte nicht länger verzerren sollte. Es hat sich aber herausgestellt, dass der Ersatz der produktbezogenen Preisstützung durch Flächenprämien nicht den erwünschten Erfolg für die Umwelt erbracht hat. In Zukunft sollte stattdessen konsequent öffentliches Geld für öffentliche Leistungen ausgegeben werden. Honoriert werden sollten nicht die rechtlich vorgeschrieben Mindestverusacherpflichten sondern darüber hinausgehende tatsächlich erbrachte Ergebnisse für die Erhaltung und Entwicklung der Biodiversität, den Klima- und Gewässerschutz oder schöne Landschaften. Dann können wir darauf hoffen, dass blütenreiche Feuchtwiesen oder Ackerwildkrautfluren, Bruthabitate für die Feldlerche oder Tümpel für Amphibien von den Erzeugern als wertvolle Güter angesehen werden, die sie mit all ihrem produktionstechnischen Wissen gerne für die Gesellschaft bereit stellen.

Sie sägten die Äste ab, auf denen sie saßen
Und schrieen sich zu ihre Erfahrungen,
ie man schneller sägen könnte, und fuhren
Mit Krachen in die Tiefe, und die ihnen zusahen,
Schüttelten die Köpfe beim Sägen und
Sägten weiter.

– Bertolt Brecht, Exil, III